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Face_It! - Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus

Regie: Gerd Conradt

D 2019, 80 min., Farbe, OmU, FSK: o.A.

In FACE_IT! berichtet der Videopionier Gerd Conradt von der Codierung des Gesichts, die als moderner Fingerabdruck wie ein geheimnisvolles Siegel Zugang zur Persönlichkeit eines Menschen verschafft. Mit Hilfe des Facial Action Coding System (FACS) soll es möglich werden, die Geheimnisse des Gesichts – des Spiegels der Seele - zu entschlüsseln. Damit besteht die Gefahr, dass der nicht endende mimische Austausch von Gesicht zu Gesicht zu ausdrucks- und geschichtslosen FACES wird, zu Wesen immerwährender alters- und geschlechtsloser Gegenwärtigkeit. Der Film fragt: Wem gehört das zum Zahlencode gewordene Gesicht? Gerd Conradt unterhält sich dazu mit Datenschützern, Künstlern und der Staatsministerin für Digitalisierung.

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Face_It! - Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus

Regie: Gerd Conradt

D 2019, 80 min., Farbe, OmU, FSK: o.A.

In FACE_IT! berichtet der Videopionier Gerd Conradt von der Codierung des Gesichts, die als moderner Fingerabdruck wie ein geheimnisvolles Siegel Zugang zur Persönlichkeit eines Menschen verschafft. Mit Hilfe des Facial Action Coding System (FACS) soll es möglich werden, die Geheimnisse des Gesichts – des Spiegels der Seele - zu entschlüsseln. Damit besteht die Gefahr, dass der nicht endende mimische Austausch von Gesicht zu Gesicht zu ausdrucks- und geschichtslosen FACES wird, zu Wesen immerwährender alters- und geschlechtsloser Gegenwärtigkeit. Der Film fragt: Wem gehört das zum Zahlencode gewordene Gesicht? Gerd Conradt unterhält sich dazu mit Datenschützern, Künstlern und der Staatsministerin für Digitalisierung.

Inhalt

Inhalt

Angeregt von dem „Pilotprojekt“ zur digitalen Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz, spürt Gerd Conradt der Bedeutung des Gesichts im digitalen Zeitalter nach. Denn mit Hilfe des Facial Action Coding System (FACS) soll es möglich werden, die Geheimnisse des Gesichts – des Spiegels der Seele - zu entschlüsseln. In FACE_It! stellt Gerd Conradt Menschen vor, die sich mit der Überwachung durch digitale Gesichtserkennung kritisch auseinandersetzen - er trifft Datenschützer, Künstler, einen Medienrebellen, eine Kunsthistorikerin, die Staatsministerin für Digitalisierung. Er stellt einen Human Decoder vor, der das populäre FACS anwendet und stellt die Frage, ob diese Systematik die Gefahr birgt, dass der nicht endende mimische Austausch von Gesicht zu Gesicht zu ausdrucks- und geschichtslosen FACES reduziert wird, zu Wesen immerwährender alters- und geschlechtsloser Gegenwärtigkeit. Die Protagonisten werden mit Videoclips konfrontiert, in denen das Gesicht als Kunstwerk verhandelt wird. Am Modell der Nofretete tastet ein blinder Mann das „schönste Gesicht der Welt“ ab. Der Film fragt: Wem gehört das zum Zahlencode gewordene Gesicht?

Credits

Stabliste

Mit: 

Dorothee Bär - Staatsministerin für Digitalisierung 

Sigrid Weigel - Literatur- und Kulturwissenschaftlerin 

Julius von Bismarck - Künstler 

padeluun - Künstler, Vorstand Digitalcourage e.V.  

Peter Weibel - Künstler, Medienrebell, Kurator, Theoretiker, Direktor ZKM Karlsruhe 

Holger Kunzmann - FACS-Coder, Head of Paul Ekman Training Germany

 

Regie: Gerd Conradt

Drehbuch: Gerd Conradt, Daniela Schulz

Produktion: Daniela Schulz

Kamera: Hans Rombach, Benjamin Breitkopf

Schnitt: Pablo Ben Yakov

Filmmusik/Sound Design: Lutz Glandien

Ton: Marc Eberhardt, Bettina Jänchen, Julia Hertenstein, Katja Gierscher

Tonmischung: Elsenstudio Berlin

Farbkorrektur: Clemens Seiz

Visuelle Effekte: Timm Völkner

Aufnahmeleitung: Karl-Heinz Sterz

Regieassistenz: Rita Elm

 

 

Pressestimmen

Pressestimmen

 

FACE_it!

Wem gehört unser Gesicht? Diese Frage, die bis vor kurzem noch eindeutig zu beantworten war, ist roter Faden von Gerd Conradts Dokumentation „Face_It!“, die einen vorsichtigen Blick in eine Zukunft wagt, in der Gesichtserkennung Alltag geworden sein wird. Verschiedene Theoretiker und Politiker kommen zu Wort, die das Thema vorsichtig und differenziert umkreisen.

 Ein Pilotprojekt zur Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz war der Ausgangspunkt für Gerd Conradts Beschäftigung mit dem Thema. Eine Forschungsgruppe hat hier Gerätschaften installiert mit denen die freiwilligen Teilnehmer des Experiments, beim hinuntergehen einer langen Treppe gefilmt und mittels modernster Technik identifiziert werden. Bewegungsprofile lassen sich so erstellen, die mit zunehmender Verbreitung der Technik, in Kombination mit der - oft freiwilligen - Bereitstellung von allen möglichen Daten im Internet, immer bessere Vorhersagen über Wege und Bedürfnisse jedes einzelnen Menschen machen lassen.
 
Vom sprichwörtlichen Big Brother ist bei solchen Szenarien schnell die Rede, vom Überwachungsstart und dem Verlust von Freiheit. Doch ist das wirklich so? Und geben wir online nicht ohnehin ein Maß an Information über uns preis, das vor Jahren unvorstellbar erschien? Es ist die größte Stärke von Gerd Conradts Film, dass er sein Thema nicht alarmistisch und hysterisch angeht, sondern umsichtig und differenziert.
 
Weder rückwärtsgewandte Kassandrarufer, die die Uhr am liebsten ganz weit zurückdrehen würden, noch begeisterte Vorreiter, die gar nicht schnell genug auch noch den letzten Aspekt ihrer Privatheit aufgeben wollen kommen zu Wort. Stattdessen Menschen, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema beschäftigen, Vorteile der neuen Entwicklung sehen, ohne mögliche Probleme auszublenden und umgekehrt.
 
Zu ihnen gehört schon von Amts wegen Dorothe Bär, die Staatsministerin für Digitalisierung - ja, so etwas gibt es tatsächlich - die grundsätzlich eine technikaffine Position vertritt. Wer mag auch die Vorteile bestreiten, wenn man am Flughafen dank elektronisch lesbarer Reisepässe in Kombination mit zunehmend schnellerer Gesichtserkennung, nicht mehr endlos lange in langsamen Schlangen stehen muss. Doch zahlen der Einzelne und die Gesellschaft als Ganzes für solche (kleinen) Vorzüge, nicht einen zu hohen Preis?
 
Dass das zunehmende Sammeln von Daten, die Möglichkeit der Vernetzung, auch das Potential zum Missbrauch hat, mag niemand bestreiten. Dass es einem Staat grundsätzlich möglich wäre, die gesammelten Daten auch zur zunehmenden Kontrolle der Bürger zu verwenden, liegt auf der Hand. Die Frage ist also ob technische Entwicklungen wegen der theoretischen Möglichkeit des Missbrauchs schon im Vorfeld eingeschränkt werden sollten.
 
Der österreichische Künstler und Kurator Peter Weibel ist da vorsichtig. Als Leiter des ZKM, des Zentrums für Kunst und Medien in Karlsruhe, beschäftigt er sich von Berufswegen mit den Möglichkeiten, dem Potenzial und den Gefahren der Technologie und lässt Medienwissenschaftler und Künstler forschen und spekulieren.
 
Sie alle und mehr lässt Conradt in kaum 80 Minuten zu Wort kommen, unterbrochen von eigenen Überlegungen des Regisseurs, der seit den 60er Jahren Filme macht, die bewusst und im besten Sinne politisch sind. Früher bedeutete das Filme über die Linke, ihre Ziele und auch Abwege in die Radikalität zu machen. Bei „Face_It!“ bedeutet es, sich mit einer schleichenden Entwicklung zu beschäftigen, die alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Ethnie oder politischer Ausrichtung betrifft, auch wenn viele sie kaum wahrnehmen. Mit seinem Film macht Conradt sichtbar, was immer noch zu unsichtbar ist.

Programmkino.de, Michael Meyns

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FACE_It! - Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus

Dokumentarisches Essay für Gefahren, Grenzen und Nutzen digitaler Gesichtserkennung.

Das deutsche Innenministerium hat im Jahr 2018 am Bahnhof Berlin- Südkreuz verschiedene Computerprogramme der Gesichtserkennung getestet. In der Öffentlichkeit war das sechsmonatige Projekt umstritten. Der Wunsch nach mehr Sicherheit steht der Angst vor der Verletzung der Privatsphäre und vor dem Missbrauch gesammelter Daten entgegen. Der Filmemacher und Videokünstler Gerd Conradt verlängert die politische Diskussion um philosophische Aspekte: Was macht ein Gesicht aus, und wie verändert sich dessen Lesbarkeit im „Zeitalter des Digitalismus“?

Das Wort „Digitalismus“ ist nicht zufällig gewählt. Conradt hat sich in seinem Gesamtwerk, von der Langzeitbeobachtung „Der Videopionier“ über den Kampf einer Mieterinitiative in den 1970er-Jahren und seiner Reflexionen über die Biografie seines Kommilitonen und „Rote Armee Fraktion“-Aktivisten „Starbuck Holger Meins“ bis zu der filmischen Autobiografie „Video Vertov“ immer wieder mit den Wirkungen von Ideologien auseinandergesetzt, deren Heilsversprechen meist mehr Druck auf das Individuum ausübten, als dass sie zur Weltverbesserung getaugt hätten. Das gilt auch im Falle des „Digitalismus“, der wie beim Pilotprojekt am Bahnhof Südkreuz die Idee einer umfänglichen Sicherheit vor Verbrechen und Terroranschlägen suggeriert. „Face_It!“ diskutiert das Phänomen kritisch, aber auch mit einer großen Portion Neugier – Conradt ist kein Modernisierungsgegner; er will vielmehr verstehen, wohin diese Modernisierung führt.

Der menschliche Faktor

Dazu befragt er verschiedene Akteure, von der Staatsministerin für Digitalisierung über Datenschützer und Videokünstler bis zu einem „Human Decoder“, der sich mit dem menschlichen Faktor in verschiedenen technisch dominierten Branchen auseinandersetzt. Um diesen menschlichen Faktor kreisen die meisten Gesprächen. Zwar lassen sich Gesichter biometrisch auslesen, doch was sagt die auf diesen Referenzdaten basierende Gesichtserkennung im öffentlichen Raum über die Befindlichkeiten, über die Emotionen, über die Persönlichkeit der beobachteten Personen aus?

Sigrid Weigel, die das Konzept zu der Ausstellung „Das Gesicht – eine Spurensuche“ im Dresdener Hygienemuseum entwickelt hat, spricht von der „Illusion, alles den Algorithmen zu überlassen und diese alles erledigen zu lassen.“ Dass Sicherheit weniger mit Überwachung als mit Vertrauen zu gewinnen ist, bringt der Künstler Padeluun mit der aphoristischen Sinnfrage zum Ausdruck, ob denn der Schutz der Demokratie durch die Überwachungstechnologie nicht von der vermeintlichen „Freiheit ohne Sicherheit“ zur „Sicherheit ohne Freiheit“ führe.

Das sind grundsätzliche Gedanken, die in keinem Essay über die Herausforderungen des digitalen Zeitalters fehlen sollten. Interessant wird es, wenn der Film abschweift, den interdisziplinären Dialog mit der Digitalgeschichte und mit Technikern sucht. So konfrontiert „Face_It!“ die Protagonisten mit älteren Videokunst-Arbeiten, etwa Ed Emshwillers „Sunstone“, der 1979 digitale und Animationstechniken vermischte, um zu zeigen, wie sich die Ausdrucksgebärden eines Gesichts je nach Farbgebung des Hintergrunds ganz unterschiedlich deuten lassen.

Tränen der Freude oder der Trauer

So bleibt auch hier hinter den „maschinenlesbaren Interfaces“ vom Bahnhof Südkreuz die Frage nach den Emotionen zurück, danach, ob die Tränen solche der Trauer oder Freude sind, oder danach, welche Interpretationszusammenhänge zur Deutung dieser Aufnahmen herangezogen werden. Oder wer diese Daten überhaupt auswerten könnte, und zu welchem Zweck? Wem gehört überhaupt das zum Zahlencode gewordene Gesicht? Immerhin, so stellt Conradt am Ende süffisant fest, würde er, wenn er sich in fünf Jahren fragen würde, was er am 21. August 2018 gemacht habe, eine präzise Antwort bekommen: Er hat sich auf dem oberen S-Bahnsteig des Bahnhof Südkreuz beim Selfie-Video-Machen filmen lassen.

Zuweilen recht sprunghaft führt dieser Exkurs zurück zum Urschleim der künstlerischen Hinterfragung des digitalen Zeitalters, von Emshwiller bis zum Konzeptkünstler Peter Weibel, der mit seinem „Hotel Morphila Orchester“ im Jahr 2013 in „Wir sind Daten“ das digitale Zeitalter kritisch würdigte.

Eine gewisse Ratlosigkeit

Nicht immer geht Conradts Konzept auf, zwischen den Protagonisten zu vermitteln und sie über ihre Kunstwerke und deren Kommentierung interdisziplinär zu vernetzen. Oft bleibt eine Ratlosigkeit zurück, die sich hinter den Gegenschnitten auf eine Protestaktion gegen den Überwachungsversuch am Bahnhof Südkreuz versteckt.

Die Überlegungen, die Künstler und Kuratoren zur digitalen Gesichtserkennung anstellen, lösen das Problem des drohenden Überwachungsstaates nicht – aber sie geben zu verstehen, wo technische Systeme und Algorithmen an ihre Grenzen stoßen. Das hat neben dem allgegenwärtigen Bedrohungsszenarium auch etwas Tröstliches.

FilmDienst, Bernd Buder

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FACE_It! - Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus

ZAHLEN UND FIGUREN ALS SCHLÜSSEL ALLER KREATUREN

Es ist neben unserer DNA und unseren Fingerabdrücken der unverwechselbarste Teil unserer Selbst und vor allem jener, den all die Fremden und Bekannten, die uns tagtäglich sehen, als erstes von uns wahrnehmen — unser Gesicht. Und ohne zu hinterfragen, gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass dieses Gesicht natürlich zu uns gehört. Doch gerade in Zeiten des Digitalismus, in der jedwede noch so große analoge Gewissheit in Bits und Bytes, in Nullen und Einsen und damit in Daten zerlegt werden kann, ist diese uralte Gewissheit keineswegs mehr so selbstverständlich, wie wir das bisher vielleicht glauben mögen.

Ausgehend von einem Pilotprojekt zur digitalen Gesichtserkennung der Bundespolizei in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn am Berliner Bahnhof Südkreuz geht der 1941 geborene Regisseur und Videokünstler Gerd Conradt (Starbuck Holger Meins) der Frage bzw. den Fragen nach Identität im Zeitalter des Digitalen nach. Er tut dies bedächtig, mittels sorgsam ausgesuchter Interviewpartner*innen, die sich dem schwierigen und emotional aufgeladenen Thema in aller Ruhe annähern, es umkreisen, Analogien ziehen und die überwiegend beherrscht ihre Statements und Gedanken beitragen.

Unter den Befragten befinden sich neben dem Künstler Julius von Bismarck und der Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär auch Peter Weibel, der Leiter des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe, die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel, der Coach Holger Kunzmann, die Ägyptologin Friederinke Seyfried sowie der Künstler, Aktivist und Datenschützer padeluun, der am Schluss den Film dann doch noch dazu nutzt, um einen flammenden Appell gegen die staatliche wie private Datensammelwut zu proklamieren. Gut möglich, dass er dabei vor allem auch Entwicklungen wie jene in China im Blick hat, wo die massenhafte Erhebung von Daten bereits zu einer rigorosen Überwachung der Bürger ausgebaut wurde, das euphemistisch als „Sozialkreditsystem“ betitelt wird.Und wer in diesem System schlechte Werte erzielt, wird drastisch sanktioniert. Zugegeben — bis dahin ist es in Europa noch ein weiter Weg, doch die Gesichtserkennung wäre für eine solche Entwicklung sicherlich eine Schlüsseltechnologie. Und die Erfahrung zeigt, dass, wenn eine solche Technik erst einmal vorhanden ist, sie zumeist auch eingesetzt wird.

Immer wieder baut Conradt geschickt Irritationen in sein essayistisches Werk ein: So filmt er sich gleich zu Beginn des Films mittels eines Selfiesticks in einem (scheinbar nur ins Bild hineinmanipulierten) Wald und behauptet steif und fest, er befinde sich gerade auf dem genannten Bahnhof Südkreuz. Später, ebenfalls mit einem Selfiestick ausgestattet, filmt er sich und die Digitalministerin Dorothee Bär, um dann mit einem Schnitt klarzumachen, dass außerhalb des eng begrenzten Bildausschnitts ein Tonmann steht, der das Gespräch mittels einer Tonangel einfängt. 

Gerd Conradt erweist sich in diesem Film als jemand, der verstehen will, was gerade um ihn herum vor sich geht — und dennoch ist auch er nicht frei von einer Agenda, einem selbstgewählten Auftrag, der sich schon früh in seinem Werk andeutet — und auch hier kann man ihn bereits im Filmtitel herauslesen, wenn man ganz genau hinschaut: „Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus“ lautet der Untertitel von Face_It!. Statt des Prozesses der Digitalisierung steht also hier der Digitalismus im Vordergrund als eine Art Ideologie, die es zu umkreisen und zu hinterfragen gilt. Ein Unternehmen, das zwar nicht immer gelingt, das aber immerhin verschiedene Positionen zu einem gern übersehenen Komplex aufgreift und miteinander auf interdisziplinäre Weise verknüpft. Was man selbst daraus folgern mag, das bleibt schon allen selbst überlassen.

Kino-Zeit.de, Joachim Kurz

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FACE_It! (Deutschland 2019)

Im digitalen Zeitalter werden wir zu Daten. Aber was bedeutet das für uns? Gesichtserkennung ist das Stichwort, mit dem sich Gerd Conradt in seinem Dokumentarfilm "FACE_It!" auseinandersetzt. Conradt diskutiert mit Menschen aus Kunst, Politik und Wissenschaft, die abwechselnd verschiedene Interventionen und Auseinandersetzungen zur Datenverarbeitung und Gesichtserkennung reflektieren. Dabei treibt der Regisseur ein Spiel mit der Selbstreferentialität und neigt zu einem pädagogischen Duktus. Auch ohne den präsentierten Aktivismus ist Conradts Film aber anregend, kritisch und politisch wichtig.

epd

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Der lange Weg zur Meisterschaft

Als Student war Gerd Conradt hoch politisiert, heute gilt er als Pionier der Videokunst. Sein neuestes Projekt heißt „Face_It!“ und beschäftigt sich mit der Vermessung des Gesichts im öffentlichen Raum.

Anlass für den Dokumentarfilm „Face_It!“ war ein Projekt der Bundespolizei. Am Berliner Bahnhof Südkreuz wurden die Gesichter von Reisenden mit Kameras erfasst und automatisch identifiziert.

Der Filmemacher und Video-Pionier Gerd Conradt ließ sich davon inspirieren, gründsätzlicher über Gesichter nachzudenken:

„Das ist ein Phänomen, dass wir uns selbst nicht sehen. Dass wir von anderen gesehen werden, dass wir ständig andere sehen. Das Gesicht erzählt – die ganze Zeit.“

Niemand kennt sein eigenes Gesicht

Für seinen neuen Film traf Conradt auch die Staatsministerin für Digitalisierung bei der Bundesregierung, Dorothee Bär. „Ich habe mich auf die Gesichter meiner Protagonisten konzentriert,“ erzählt Conradt. „Wer genau hinschaut, kann im Gesicht von Frau Bär einiges lesen.“

Conradt hat eine bewegte Lebensgeschichte. Er war in dem politisch sehr polarisierten ersten Jahrgang der Berliner Filmhochschule dffb, dem auch der Filmemacher und spätere Terrorist Holger Meins angehörte.

Holger Meins ging in den Untergrund

Meins, ein Freund Conradts, ging später mit der RAF in den Untergrund und starb nach einem Hungerstreik im Gefängnis. Ein Weg, den Conradt vorhergesehen hatte – und auf dem er Meins nicht folgen wollte, wie er ihm in einem Gespräch vor seinem Untertauchen klar machte:

„Es war die Frage: Wird man Berufsrevolutionär oder was wird man? Für mich war in diesem Gespräch klar, dass ich gesagt habe: ‚Holger, das mache ich nicht.‘ Ich habe erstmal ein Kind, ich habe Familie, und zweitens habe ich Angst davor, zu sterben. Weil: Das ist ein Selbstmordkommando. Ich will mich nicht opfern.“

Sehnsucht nach Meisterschaft

Conradt ging einen anderen Weg. Er wurde Anhänger der Lehren von Bhagwan Shree Rajneesh, später bekannt als Osho, trug Orange und eine Holzkette und reiste zu seinem Meister ins indische Pune.

„Lange war Jesus meine Leitfigur. Dann Mao. Und dann Osho. Ich hatte zwischendurch eine Depression. Menschen, die ich kannte, kamen mit leuchtenden Augen auf mich zu, rot gekleidet, und sagten: Versuch‘ es doch mal mit dynamischer Meditation. Und da habe ich verstanden: Das ist es.“

Die Erlaubnis, aus sich herauszugehen und „verrückt“ zu sein, habe ihn in der von Grenzerfahrungen geprägten Gemeinschaft der Sanyassins der Weisheit und der Meisterschaft ein Stück näher gebracht, berichtet er.

Der Weg des Künstlers

Als Dozent ist Conradt inzwischen nüchterner: Er versucht seine Studenten davon zu überzeugen, den Dokumentarfilm als sehr realistische Sache zu betrachten.

„Junge Menschen glauben, sie könnten mit dem Film auch persönliche Fragen beantworten. Ich versuche ihnen klar zu machen, dass Dokumentarfilm auch ein Gebrauchsgegenstand ist.“

Ein Künstler muss Conradts Ansicht nach auf seinem Weg auch Antworten darauf finden, ob und wie er sich und Angehörige ein Leben lang ernähren will: „Ich habe mich diszipliniert und habe meine Aufträge als freier Mitarbeiter streng ausgeführt. Da habe ich gelernt, mich an die Vorgaben zu halten.“

Deutschlandfunkkultur, Moderation: Britta Bürger

Biografie

Biografie

Der Regisseur

Gerd Conradt wurde am 14. Mai 1941 in Schwiebus (Mark Brandenburg) geboren und wuchs in Thüringen auf. 1955 Umzug nach Berlin. Nach einer Ausbildung zum Fotografen gehörte er 1966 zu den ersten Studenten an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). 1968 wurde er mit 17 Kommilitonen, darunter Harun Farocki und Holger Meins, wegen Besetzung des Rektorats vorübergehend vom Studium ausgeschlossen. Seit 1982 freiberuflich für das Fernsehen tätig, außerdem Mitarbeit bei Zeitschriften, Lehrtätigkeit an verschiedenen Hochschulen sowie Realisierung von Videoinstallationen und Unterrichtsfilmen. Wiederkehrendes Thema in seinen Filmen ist die Geschichte der Studentenbewegung sowie der RAF – so setzte er sich in zwei Filmen mit Holger Meins auseinander: "Über Holger Meins" (1982, zusammen mit Hartmut Jahn) und "Starbuck Holger Meins" (2001).

 

Protagonist*innen

Julius von Bismarck (*1983), Künstler, lebt in Berlin. Studium an der Berliner Universität der Künste und am Hunter College in New York.

Im Film zu sehen ist die Installation FÜHLOMETER - ein „Public Face“, das von Julius von Bismarck, Richard Wilhelmer und Benjamin Maus erstmals 2008 auf dem Sommerfest der Malzfabrik in Berlin-Tempelhof gezeigt wurde. Dabei handelt es sich um einen  überdimensionierten SMILEY mit beweglichen Augen und Mund – der Emotionen abbilden kann. Eine Kamera beobachtet Menschen im öffentlichen Raum und leitet ihre durch eine spezielle Software bearbeiteten Bilder an das große Stahlgesicht weiter. Dort werden die aktuellen Emotionen der abgebildeten Menschen durch die flexible Augen- und Mundpartie aus Neonröhren sichtbar. Der FÜHLOMETER ist ein frühes Kunstwerk, das zum Nachdenken über die neuen Programme der Gesichtserkennung anregt. 

 

Aussagen aus dem Film, Julius von Bismarck

Das ist es, warum Kunst interessant ist, weil sie diese Konstruktion von Welt beeinflusst. Das ist für mich ein wichtiger Grund, warum ich arbeite. Ich glaube nicht an eine Welt, sondern ich glaube an die Konstruktion der Welt und in diese Konstruktion will ich mit eingreifen.

   

Das ist die klassische Befürchtung, dass mit den gesammelten Daten Missbrauch betrieben wird. Das sehe ich auch. - Ich glaube aber, dass, diese Angst einen nicht weiterbringt. Ich glaube, dass es darum geht, mit den Daten aktiv umzugehen, diese Daten zu verwenden, statt dass man kritisiert, dass die gesammelt werden. Den Prozess der Sammlung kann man nicht aufhalten. Das ist, wie wenn man probiert, eine Wahrheit aufzuhalten, das funktioniert nie.

 

Wie seid ihr auf die Idee zu dem Kunstwerk gekommen?

JULIUS VON BISMARCK: Wir haben zufällig gelesen, dass diese Technik vom Fraunhofer-Institut entwickelt wurde und uns überlegt, wie man auf deren Grundlage ein Kunstwerk herstellen kann. Das ist einige Jahre her, inzwischen gibt es eine breite Masse von Unternehmen, die diese Software verwenden. Und man muss davon ausgehen, dass sie auch für Zwecke genutzt wird, die wir nicht kennen.

RICHARD WILHELMER: Mithilfe der Software kann vor allem Kontrolle ausgeübt werden. Auf einmal beurteilt eine Maschine anhand festgelegter Normen, wie wir uns benehmen und welcher Gesichtsausdruck welches Verhalten suggeriert. Automatisch wird eine Person als Subjekt eingestuft, von dem möglicherweise Gefahr ausgeht. Das ist der George Orwellsche Gedanke dahinter, den wir spielerisch darstellen wollten. Leute sehen den Smiley und finden ihn lustig. Dann erfahren sie, dass er Emotionen ablesen kann, und das ist sowieso lustig. In zweiter Instanz bleibt einem das Lachen im Hals stecken, weil man sich überlegt, was passiert, wenn diese Software in falsche Hände gerät.

Laura Pomer für ART BERLIN

 

Dorothee Bär,  (* 1978) Staatsministerin für Digitalisierung, lebt bei Bamberg und in Berlin. 

Studium der Politikwissenschaft u.a. am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Abschluss als Diplom-Politologin 2005. Seit Februar 2009 stellvertretende Generalsekretärin der CSU. Sie ist Mitglied der Europa-Union Parlamentariergruppe im Deutscher Bundestag, Mitglied des Kuratoriums Bundeszentrale für politische Bildung und der Filmförderungsanstalt.  Mitglied im Rundfunkrat der Deutschen Welle.

 

Auszüge aus dem Interview mit Dorothee Bär

G.C.: Sie sind die Meisterin der Digitalisierung. Kann man von Digitalismus sprechen? 

D.B.: Würde ich nicht sagen. Es gibt ja unterschiedliche Begrifflichkeiten. Jeder versteht unter dem Begriff Digitalisierung etwas anderes. Das war ein Phänomen am Tag der offenen Tür der Bundesregierung. Ganz viele Menschen haben an meinem Stand gefragt: Was ist Digitalisierung? 

 

G.C.: Also es gibt noch keine definitive Erklärung? 

 

D.B.: Erklärung ja, aber die ist für jeden anders. Das werden Sie bei ganz vielen Phänomenen so finden. Wir sind in einer ganz spannenden Phase. Es wird bestimmt auch noch ein paar Jahre dauern, bis ein Grundverständnis in der gesamten Bevölkerung da ist. Ich glaube, dass die Botschaft sein muss: Alles was kommt in der Digitalisierung müssen wir mit offenem Herzen und mit kühlem Verstand begleiten.

 

Zur Digitalisierung in China

 

Ich habe mich viel mit China beschäftigt und auch mit der Reaktion der Bürgerinnen und Bürger, die der Meinung waren, dass es für sie toll ist, sich auch diese Punkte verdienen zu können.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Es ist aber eine legitime Herangehensweise für diejenigen, die das schätzen. Grundsätzlich glaube ich nicht, dass der Staat sich so einmischen sollte. Ich möchte auch kein System, wo der Staat bzw. die staatliche Gewalt im Mittelpunkt steht. Für uns – und das gilt auch für mein Verständnis, wie die Digitalisierung in Deutschland gesehen werden sollte - sollte der Mensch immer im Mittelpunkt des Handelns stehen.

 

 

padeluun, (*.......) Künstler, lebt in Bielefeld und Berlin. Er verteidigt die Freiheit, damit es weiterhin Kunst geben kann. 1984 gründet er zusammen mit Rena Tanges das Kunstprojekt und die Galerie Art d’Ameublement. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender des Grundrechte- und Datenschutzvereins Digitalcourage, Mitarbeiter im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung und einer der Organisatoren sowie Jurymitglied der deutschen Big Brother Awards, die seit dem Jahr 2000 jährlich in Bielefeld verliehen werden. 

Im Film zu sehen ist: 

DEUTSCHLAND, Kunstvideo  von Knut Hoffmeister, 1980. In dem Video „robbt“ padeluun in der Uniform eines Bundeswehrsoldaten auf  dem Kurfürstendamm in Berlin-Charlottenburg  und ruft: Deutschland, Deutschland. Am Ende wird er von zwei Polizisten  abgeführt.

Zu hören ist der Song: DER STARKE MANN, padeluun / Publicity Band, 1980.

Text:  Der Gipfel ist erreicht, jetzt geht es nur noch bergab. Wir haben gelebt, jetzt sind die Rohstoffe knapp. Alles, was uns jetzt noch retten kann, das ist der starke Mann. Deutschland, Deutschland über alles....

 

padeluun zur Entstehung des Songs:

Die Ambivalenz dieser Geschichte ist, ich bin zu diesem Stück durch die Gründung der Grünen Partei inspiriert worden. Es war ganz spannend – es war in Hamburg  - wo diese Partei gegründet wurde. Alle waren sehr begeistert, alle mit ihren Themen: die Verknappung der Rohstoffe. Für mich war das ganz erstaunlich. Sie hatten das Symbol der Sonnenblume und die Sonnenblume ist das Symbol für das Sonnenrad – und wenn das stehen bleibt, haben wir ein Hakenkreuz.

Damals war ich so drauf, alles, was erfolgreich ist, alles, wo Leute zusammenkommen und sagen JA, das machen wir, war für mich schon ein Verdacht. Was passiert da? Meine Sache war es immer, es braucht so viele unterschiedliche Milliarden Ideologien, wie es Menschen auf der Erde gibt. - Das hatte mir schon wieder Furcht eingeflößt. 

youtube:

Rede von padeluun, Demonstration auf dem Bahnhof Südkreuz Berlin am 29.11.2017:

Ihr habt gehört, sie waren auch etwas entsetzt, dass keiner so richtig protestiert. „Proteste sind versickert, die Leute finden es alle toll“, wurde tatsächlich von dem Sprecher der Bundespolizei gesagt Die Leute randalieren ja nicht, die reißen die Aufkleber nicht ab, machen keine Kameras kaputt, also ist es kein Protest. Ich finde es toll, dass ihr trotzdem friedlich demonstriert und nicht dem alten Spruch anhängt, den ich eben schon einmal in einer Datenschutzkonferenz gesagt habe, dass eigentlich in einem demokratischen Rechtsstaat jeder unter 30 verpflichtet ist, mindestens eine Videokamera zu zerstören. Ich fände es tatsächlich gut, wenn das auch gemacht wird. Denkt daran, eine reicht. Das kostet dann auch Strafe, aber die sollte es einem wert sein. 

 

Aussagen von padeluun zur Überwachung durch Gesichtserkennung:

 

Warum stören mich die Kameras? Weil ich mit den Kameras nicht kommunizieren kann. Ich weiß nicht, was die Leute hinter den Kameras von uns wollen. Das sagen sie mir nicht. Ich kann mir überlegen, wie sieht ein Spießer das – wo es dann auch egal ist – ob es gekuckt wird oder auf eine Festplatte läuft und nach der 0 in Wärme verwandelt wird.

 

Die Kameras sind was ganz anderes. Das ist eine Waffe, die auf mich gerichtet wird. Mit Waffen kann man nicht kommunizieren. Da wird abgedrückt – oder nicht – es beschädigt mich und beschädigt die gesamte Gesellschaft.

 

Wir müssen diese Geräte aus dem Alltag, aus der Öffentlichkeit herausbekommen. Die dürfen wir nicht zulassen, die Dinger sind gefährlich. Sie helfen überhaupt nicht. Sie zerstören unser Zusammenleben, unsere Demokratie und den Rechtsstaat. Und sie nützen selten, um Verbrechen aufzuklären.

 

Peter Weibel (*1944), Künstler, Kurator, Theoretiker und Lehrer, lebt in Karlsruhe und Wien.  Durch seine Aktivitäten gilt er als zentrale Figur der europäischen Medienkunst. Seit 1999 leitet er das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe.

Im Film zu sehen sind: DAS THEOREM DER IDENTITÄT: TRITITÄT, Kunstvideo, 1974.

Zuerst werden die Gesichter von Jesus Christus, gemalt von Piero della Francesca, von Nikolaus Lenau, dem romantischen österreichischen Dichter, der seine letzten Jahre in einer Irrenanstalt verbracht hat, und von mir gezeigt. Dann hört man zum Porträt Jesus Christus‘ einen Satz von Francesca: Form und Inhalt sind wie Bruder und Schwester in der ehrwürdigen Halle des Raumes. Zum Porträt Lenaus seinen Satz: Die Poesie bin ich selber. Mein selbstestes Selbst ist die Poesie. Und ich selbst sage: Meine Botschaft wirft jeden auf sich selbst zurück. Die toten Gesichter werden gleichsam zum Leben erweckt und zum Sprechen gebracht, indem ich sie mit meinem Gesicht überblende und Grimassen schneide. Es entstehen dabei verblüffende Ähnlichkeiten und Wirkungen. So wie die Gesichter vermischt werden, vermengen sich dann auch die Botschaften, die um den Satz Jesu Christi: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, erweitert worden sind. Das Theorem der Identität wird in Frage gestellt, indem die Botschaften sich gegenseitig relativieren.

Peter Weibel

 

WIR SIND DATEN, Musikvideo, 2013

 Eine Hommage an Bradley Manning und Edward Snowden Der Song zur Krise, der Sommerhit von Peter Weibel für die Security-Junta.

Im Jahre 2001 organisierte das ZKM die erste Groß-Ausstellung zum Thema Überwachung CRTL [Space]. Rhetorik der Überwachung, von Bentham bis Big Brother. Zwei Jahre zuvor hat das ZKM mit der Ausstellung net_condition auf die veränderten Bedingungen der Kommunikation im Zeitalter des globalen Datenverkehrs hingewiesen.

 

10 Jahre später wird das Ausmaß der Überwachung durch das Internet auch vom Mainstream erkannt. Dank des Einsatzes von unglaublich couragierten und engagierten Individuen wie Bradley Manning und Edward Snowden wurde Licht auf die dunklen Seiten der staatlichen Datenspeicherung geworfen. Manning und Snowden verteidigten Demokratie und Bürgerrechte gegen die Übergriffe einer Security-Junta, welche die Politik immer eiserner in den Griff bekommt. Sonst kann man sich nicht erklären, warum Manning und Snowden, die nichts anderes getan haben, als ihre Bürgerpflicht zu erfüllen, ins Gefängnis geworfen und in die Flucht getrieben werden. Die freie Welt bedankt sich bei Manning und Snowden für die zivile Aufklärung. Hätten Menschen wie Snowden sich nicht geäußert, hätten die verantwortlichen Politiker wie Obama zu den militärischen Aktionen ihrer Geheimdienste in der Privatsphäre ihrer Bürger geschwiegen. Operation Citadel von Microsoft und FBI, das PRISM Überwachungsprogramm von NSA, das Projekt Tempora des britischen GCHQ zur Überwachung des globalen Datenverkehrs, etc. – sie alle verweisen auf das Misstrauen des Staates gegenüber seinen Bürgern. Wieso sollen daher die BürgerInnen ihren Staaten vertrauen?

Wir fordern aufgrund der informationellen Selbstbestimmung (das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist im bundesdeutschen Recht das Recht des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten zu bestimmen) als 20. Grundrecht: Der Staat darf seine BürgerInnen nicht ausspionieren - Freiheit für die Infosphäre!

Song: https://soundcloud.com/peter-weibel-1

 

Aussagen von Peter Weibel im Film:

 

Das Gesicht ist ein primäres Medium der Identifikation, immer schon gewesen. Die Digitalisierung hat die Methode nur präzisiert und verschärft mit Hilfe der Fotografie und des Films. 

 

Wenn wir noch einmal auf das Thema der Gesichtserkennung zurückkommen, sieht man  ja, was passiert, dass das Gesicht gespeichert wird als Daten. - Es passiert, dass das Gesicht nur noch Daten sind. Und diese Daten werden dann von einer Administration verwaltet. Daraus ist eine gigantische globale Datenadministration geworden. Bisher hat das der Staat gemacht mit Fotografien, mit Papier. Jetzt leben wir in einer Welt, deren Verwaltung, Beherrschung, Manipulation komplett datenbasiert ist. Und das hat auch das Gesicht erfasst. 

 

Im öffentlichen Raum kann ich mich doch noch frei bewegen. Es kann doch nicht sein, dass jeder zum Verdächtigen erklärt wird. Jeder lebt unter dem Bann: Du bist ein Verdächtiger und deshalb wird dein Gesicht gespeichert. Statt dem berühmten militärisch-industriellen Komplex früher haben wir jetzt einen Sicherheits-Securitate-Komplex, militärisch organisiert.

 

 

WIR SIND DATEN 

Braunsteiner / Egg / Weibel

 

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was wir buchen

Was wir wollen

was wir suchen

Was wir brauchen

was wir buchen

Was wir wollen

was wir suchen

Was wir sammeln

und verteilen

Was wir kaufen

und verkaufen

Was wir leiten

und verbreiten

Was wir speichern und kopieren

Konfigurieren und verlieren

Daten, Daten... Daten, Daten

Daten, Daten... Daten, Daten

Was wir senden und beenden

Was wir sichern und verlöschen

Was wir brauchen, was wir buchen

Daten, Daten... Daten, Daten

Wir sind Datenjäger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jäger und Gejagte

Datenträger, Datenkunden

wir sind Daten

Man kauft uns

und kopiert uns

Man verleitet

und verteilt uns

Man verlöscht uns

und verschwindet

Wir sind Daten

Wir sind Daten, Daten, Daten...

Was wir wollen

was wir suchen

Was wir brauchen

was wir buchen

Wir gründen Banken, Datenbanken

Erforschen Welten, Datenwelten

Wir tanken Daten in Datenzügen

Datenflüssen, Datenstrassen

Datenhighways

Ihr Datenhunde, Suchmaschinen

Greift nach Daten.

Die Daten suchen

Daten kaufen und verkaufen

Datensüchtig, datenflüchtig

Wir sind Datenjäger

Jäger und Gejagte

 

 

 

 

 

 

 

Datenträger, Datenkunden

Wir sind Daten, Daten, Daten...

Man verkauft uns

und kopiert uns

Man verleiht uns

und verteilt uns 

Man verlöscht uns

und verschwindet

Wir sind Daten, Daten

Die Welt ein Datenhaus

Gebaut von Datenhändlern

Die Welt ein Datentrug

Die Datenbanken werden wanken

Die Daten suchen

werden sich verfluchen

Zwischen Firewall

werden wir verbrennen

Datendiebe rettet

uns entkettet uns

Von allen Datenträgern

Daten, Daten, Daten

stürzen ab

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sigrid Weigel (*1950), Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, lebt in Berlin.

Sie studierte Germanistik, Politologie und Pädagogik an der Universität Hamburg. 1977 promovierte sie dort zur Dr. phil.  1986 habilitierte sie sich am Fachbereich Neuere Deutsche Literatur und Kunstwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Von 1999 bis 2015 war sie Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL).

Sie entwickelte das Konzept zur Ausstellung: DAS GESICHT – EINE SPURENSUCHE, 2017/18, Deutsches Hygiene-Museum, Dresden. Im Film kommentiert sie Aufnahmen vom Abbau der Ausstellung.

Auszüge aus dem Interview mit Frau Weigel:

G. C.: Woher kommt Ihre Leidenschaft für das Gesicht? 

S. W.: Die Leidenschaft für das Gesicht war wahrscheinlich schon immer da, aber die Neugier, was Technik und Wissenschaft und Politik und Mode und viele andere Instanzen mit dem Gesicht machen, die ist bei mir vielleicht systematisch vor 20 Jahren entstanden.

Als ich vor zwei Jahren die Leitung meines Forschungsinstitutes übergeben habe, war für mich klar, ich möchte, dass viele wissen, was ich über die Jahre erarbeitet habe, nicht nur in den Grenzen der Universität oder Akademie, sondern dies auch an ein anderes Publikum bringen. 

Aussagen zur digitalen Gesichtserkennung:

Das Problem wird auf die Technik verschoben und den Leuten wird suggeriert, dass die Technik das Problem lösen kann. Das halte ich nicht nur im Hinblick auf die Technik für ein Problem, sondern für den gesamten gesellschaftlichen Diskurs und das Problembewusstsein, was wir über diese Dinge entwickeln müssen. Terrorismus fängt auf der Straße, in der Schule und sonst wo an, aber nicht in der Gesichtserkennung. Dadurch wird kein Anschlag verhindert. 

Diese Suggestion, wir könnten alles den Algorithmen überlassen und über Technik bewältigen, führt notgedrungen dazu, dass man alle menschlichen Zustände auf Messbares und Indikatoren reduziert.

 

Holger Kunzmann, (* 1974), Head of Paul Ekman Training Germany, lebt in Bad Säckingen. Er beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren professionell mit Human Factors in verschiedenen Branchen: Rüstungsindustrie, Luftfahrt, Medien, betriebliche Weiterbildung sowie den Streitkräfte. Als lizenzierter Trainer für Paul Ekman International ist er zudem Spezialist für Körpersprache und Gesichtserkennung sowie emotionale Kompetenz und Evaluation von Glaubwürdigkeit.

 

Der US-amerikanische Anthropologe und Psychologe Paul Ekman  entwickelte 1978 Gemeinsam mit seinem Kollegen W. V. Friesen das Facial Action Coding System (FACS). Es ist eine physiologisch orientierte Klassifikation der emotionalen Gesichtsausdrücke. Es stellt gleichzeitig eine Methode dar, mit der zeitlich ablaufende emotionale Ausdrucksmuster erfasst und beschrieben werden können. 

Das Hauptanwendungsgebiet ist die Emotionspsychologie. Mit dessen Hilfe kann man beispielsweise ein echtes von einem gekünstelten Lächeln unterscheiden. FACS ist somit eine Technik zur Mimik- bzw. Emotionserkennung.

Das Unter-Kontrolle-Bringen der an einem Gesichtsausdruck beteiligten Muskeln benötigt eine – wenn auch kurze – Zeitspanne. Während dieser Zeitspanne ist das zugrunde liegende Gefühl in einem vollständigen Gesichtsausdruck korrekt dargestellt. Danach wird der Ausdruck durch den Gesichtsausdruck ersetzt, den die Person darstellen möchte. Dieser Ablauf wird auf deutsch als Mikromimik bezeichnet.

Ekman und Friesen fanden statistische Hinweise für die erbliche Bedingtheit zahlreicher emotionaler Ausdrücke, darunter die von ihnen unterschiedenen sieben Basisemotionen: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Diese Basisemotionen werden von allen Menschen kulturübergreifend in gleicher Weise erkannt und ausgedrückt. 

Für den Film haben Menschen diese Basisemotionen gespielt, die wiederum von Holger Kunzmann entschlüsselt und beurteilt werden – und an denen er Gesichtserkennung nach Ekman erläutert.

Aussagen von Holger Kunzmann im Film:

 

Wenn ich etwas sehe, dann ist es ein Indikator für etwas. Ich würde sage, es kann ein Indikator sein, was dies und jenes bedeuten kann. Bei Tränen ist bei einer emotionalen Reaktion immer irgendwo Trauer beigemengt. Freude kann aber auch mit hineinspielen. Es ist nicht so einfach zu trennen.

Wenn ich Forschungen zum Thema Gesicht mache und mir anschaue, wie emotionale Ausdrücke im Gesicht sich darstellen, wie beschreibe ich das überhaupt und mache es für die Forschung valide, sodass wir alle unter den Begriffen dasselbe verstehen und wissen, was wir eigentlich erforschen? Dazu war es notwendig, das Gesicht zu kartographieren. Wenn ich eine bestimmte Bewegung habe, die auf Muskeln zurückgeht, passiert etwas im Gesicht, weil ein bestimmter Muskel etwas Bestimmtes tut. 

 

 

Friederike Seyfried, (*1960),  Ägyptologin, lebt in Berlin. Studium an den Universitäten Heidelberg und Wien. Seit 2009 Direktorin des Ägyptischen Museums Berlin, seit 2011 Honorarprofessorin am Ägyptologischen Institut der Freien Universität Berlin.

Im Film führt sie den blinden Olaf Garbow in den Kuppelsaal der Nofretete, in dem 

ein Tastmodell „von der schönsten Frau der Welt“ steht.

 

 

Olaf Garbow, (*1965), Musiktherapeut, Masseur, lebt in Berlin. Kurz nach seiner Geburt erblindete Olaf Garbow.

 

Aussagen von Olaf Garbow im Film zur Nofretete am Tastmodell:

 

O. G.: Ich hätte nicht sagen können ob es männlich oder weiblich ist. Konnte auch keine Mimik daraus lesen. Es ist ein Gesicht.

 

F.S.: Wenn Sie ihr über die Nase und den Mund streichen. Die ist ganz sanft modelliert. Sie hat auch so leicht eingefallene Wangen, ein sehr schmales Gesicht.

 

O.G.: Mir kommt es eher breit vor.

 

F.S.: Für uns ist es eher schmal. Wenn Sie das Gefühl von einem breiten Gesicht haben, dann ist das für uns eine neue Erkenntnis.

 

O.G.: Der hat nur nachgebildet und nicht künstlerisch verschönert?

 

F.S.: Er hat schon künstlerisch verschönert. Das Bildnis sollte die Königin so ideal und schön darstellen, wie nur irgend möglich. 

 

 

 

 

Interview

Interview

 

 

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Jetzt im Kino!!

Jetzt im Kino

 

KINOTOUR / PREMIERE / FILMGESPRÄCHE

 

am 24.07.2019 KARLSRUHE ZKM - 19:00 - WELTPREMIERE

am 25.07.2019 STUTTGART Delphi - 20:30 -  Filmgespräch mit Gerd Conradt

am 25.07.2019 BOCHUM Endstation Kino - 20:00 - Filmgespräch mit padeluun 

am 26.07.2019 HEIDELBERG Karlstorkino - 19:30 - Filmgespräch mit Gerd Conradt

am 27.07.2019 KÖLN Lichtspiele Köln-Kalk - 19:00 - Filmgespräch mit Gerd Conradt

am 28.07.2019 BERLIN Lichtblick-Kino - 18:00 -  Berliner Preview mit Gerd Conradt

am 29.07.2019 BERLIN Filmkunst66 - 20:00 - Berliner Premiere mit Gerd Conradt

am 30.07.2019 POTSDAM Thalia - 18:45 - Filmgespräch mit Gerd Conradt

am 31.07.2019 BERLIN Bundesplatz-Kino - 18:00 - Filmgespräch mit Gerd Conradt

am 01.08.2019 HAMBURG Abaton - 20:00 - Filmgespräch mit Gerd Conradt

am 04.08.2019 MÜNCHEN Werkstattkino - 20:15 - Filmgespräch mit Gerd Conradt

am 06.08.2019 BERLIN Wolf - 19:00 - Filmgespräch mit Gerd Conradt

am 07.08.2019 BIELEFELD Kamera Filmkunsttheater - 19:00 - Filmgespräch mit Gerd Conradt & padeluun

am 28.08.2019 BERLIN ACUDkino - 19:00 - Filmgespräch mit Gerd Conradt

am 29.08.2019 POTSDAM Thalia - 18:30 - Filmgespräch mit Gerd Conradt im Rahmen des Kongresses "Dabating Data: Problems & Perspectives of Digitalisation"

am 03.09.2019 FRANKFURT Deutsches Filmmuseum - Filmgespräch mit Gerd Conradt

am 21.09.2019 BERLIN Lichtblick-Kino - 18:00 -  Filmgespräch mit Gerd Conradt

 

KINOSTART: 25.07.2019

 

BERLIN

25.07. - 31.07.2019 Brotfabrik

25.07. - 07.08.2019 Eva-Lichtspiele

28.07. - 04.08. + 11.08.2019 Lichtblick-Kino

29.07. - 07.08.2019 Filmkunst66

01.08. - 07.08.2019 Bundesplatz-Kino

01.08. - 12.08.2019 Wolf 

08.08. - 21.08.2019 ACUDkino

22.08. - 28.08.2019 ACUDkino (OmeU)

am 21.09.2019 Lichtblick-Kino

 

BIELEFELD

07.08. - 14.08.2019 Kamera Filmkunsttheater

 

BOCHUM

25.07. - 31.07.2019 Endstation Kino

 

DRESDEN

25.07. - 06.08.2019 Kino im Dach

 

ESSEN

28.07. - 30.07.2019 Filmstudio Glückauf

 

FRANKFURT

01.09. + 03.09.2019 Deutsches Filmmuseum 

 

GAUTING

am 02.09.2019 Kino Breitwand

 

HAMBURG

01.08. - 14.08.2019 Abaton

 

HANNOVER

05.09. - 11.09.2019 Kino im Künstlerhaus

 

HEIDELBERG

25.07. - 31.07.2019 Karlstorkino

 

KARLSRUHE

am 24.07.2019 ZKM

19.09. + 21.09.2019 Kinemathek Karlsruhe

 

KIEL

19.08. - 22.08.2019 Die Pumpe

 

KÖLN

25.07. - 14.08.2019 Lichtspiele Köln-Kalk

 

LEIPZIG

01.08. - 14.08.2019 Schaubühne Lindenfels

06.08. + 07.08.2019 Cinémathèque Leipzig

 

MANNHEIM

25.07. - 31.07.2019 Cinema Quadrat

 

MARBURG

06.08. - 14.08.2019 Capitol

 

MÜNCHEN

01., 03., 04., 09., 11.08.2019 Werkstattkino

 

POTSDAM

am 30.07.2019 Thalia

am 29.08.2019 Thalia im Rahmen des Kongresses "Dabating Data: Problems & Perspectives of Digitalisation"

 

SEEFELD

am 19.08.2019 Kino Breitwand

 

STARNBERG

am 26.08.2019 Kino Breitwand

 

STUTTGART

25.07. - 31.07.2019 Delphi

 

WIESBADEN

01.08. - 07.08.2019 Murnau Filmtheater

 

WÜRZBURG

01., 08., 15., 16., 17., 18., 29.09.2019 Central im Bürgerbräu